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STADT-NAME-ELEMENT IN GöTTINGEN - DIE DRITTE RUNDE DES AUSWAHLVERFAHRENS ZUR ICHO 2009

Was hat es zu bedeuten, wenn sich knapp sechzig Schüler und vier Studenten der Chemie in einem menschlichen Periodensystem anordnen, mandarinentragende Papierbrücken bauen und eine lebende Deutschlandkarte bilden?

Richtig - Die dritte Runde des deutschen Auswahlverfahrens für die IChO findet zum zweiten Mal in Göttingen statt.

Vom 21. bis zum 28. Februar trafen sich jene Schüler, die die ersten zwei Hausaufgabenrunden gemeistert hatten und sich somit zu den sechzig besten Jungchemikern Deutschlands zählen durften. Waren in der ersten Runde Kenntnisse über die Chemie der Haarfärbemittel gefragt, bot die zweite Runde ein viel breiter gefächertes Bild – Nernst’sche Verteilungsgleichgewichte, Analytik eines Oxalats und heterocyclische Synthesen forderten heraus, den eigenen Wissensstand zu überprüfen und zu erweitern. bild1_2009_3

Aufstellen zum PSE

Wer es geschafft hatte, wurde mit einer Einladung in die Göttinger Jugendherberge belohnt. Samstag, der Tag der Anreise, diente dem gegenseitigen Kennenlernen, das durch Timo Gehring (Universität Karlsruhe) organisiert wurde und bei den Teilnehmern für Erheiterung sorgte. Jedem Schüler wurde ein Element zugeordnet, das er durch geschicktes Fragen zu erraten hatte. In Hauptgruppen und Neben-metallperioden geordnet, sollte eine fantasievolle Vorstellung der Elemente erfolgen – so war beispielsweise zu erfahren, dass besonders Hausfrauen eine Affinität zu Halogenen haben (man denke an das Fluor in der Teflonpfanne) und dass die 4d-Nebenmetalle vermutlich keinen tieferen Sinn haben.

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"Bist du Brom?" - Elementratespiel

Der Sonntag wurde der Organischen Chemie gewidmet. Timo, der unser chemisches Gedächtnis zuvor mit einem Chemie-ABC auf die Probe stellte, vermittelte die grund-legenden Konzepte der Organik. Neben CIP-Nomenklatur, Aldol-Reaktion und Claisen-Kondensation spielten auch oxidative und reduktive Prozesse eine Rolle. Am Abend gab Timo einen Einblick in die Grundlagen seines Forschungsthemas – homochirale Katalyse am Beispiel einer erweiterten Soai-Reaktion. Die Möglichkeit, durch winzige Enantiomerenüberschüsse nach mehreren Reaktionszyklen nahezu Enantiomeren-reinheit zu erreichen, war äußerst interessant.

Es wurde Montag und die erste Klausur rückte näher. Da der Referent für Spektroskopie leider kurzfristig absagen musste, improvisierten Jörg Wagler (Bergakademie Freiberg) und Timo, um uns einen Überblick über NMR-, IR- und UV/ VIS-Spektroskopie zu geben. Den Nachmittag verbrachten wir damit, uns gemeinsam mit Sabine Nick durch die Grund-prinzipien der Anorganischen Chemie zu arbeiten; 3D-Brillen, mit deren Hilfe die dreidimensionalen Strukturen des VSEPR-Modells und diverse Elementarzellen „real" wurden, sorgten dabei für Erheiterung. Das anschließende Aufgabenrechnen gab noch etwas Sicherheit für den folgenden Tag.

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3D-Betrachtung der Kristallstrukturen in Sabines Vortrag

Die erste Klausur gestaltete sich als anspruchsvoll – Blutpuffer-Gleichgewichte, 4+2-Cycloadditionen und bunte Chromverbindungen –, war in der Fülle der fünf Stunden aber durchaus machbar. Für einige Teilnehmer ging es danach zum Schwimmen, andere erkundeten Göttingen auf eigene Faust oder nutzten die Zeit zum Kartenspielen. Gemeinsam ließen wir den Tag mit einem Spieleabend ausklingen. 

Nachdem auch Malte Gersch (Ludwig-Maximilians-Universität München) zu uns gestoßen war, besuchten alle gemeinsam das zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende Bergwerk Rammelsberg in Goslar. Unter kompetenter Führung besichtigten wir dabei den Röderstollen, die Erzaufbereitung und fuhren mit der Grubenbahn in einen der moderneren Stollen ein. bild4_2009_3

Bei der Besichtigung des Bergwerk Rammelsberg

Die vielen farbigen Salzkrusten, nadeldünnen Stalaktiten und riesigen Wasserräder wogen die teilweise sehr niedrigen Decken mehr als auf; auch die wechselvolle und äußerst lange Geschichte des Bergbaus am Rammelsberg war faszinierend. So soll die montane Nutzung dieses Gebietes bereits seit über dreitausend Jahren erfolgen; Goslar wurde vor allem durch Silber- und Goldvorkommen eine im Mittelalter sehr reiche Stadt, in der sogar der Kaiser eine zeitweilige Residenz hatte; in Vorbereitung des zweiten Weltkrieges förderten dann die Nationalsozialisten den Ausbau des Bergwerkes und seine durch Flotation erfolgende Erzaufbereitung. Heute sind die Erzvorkommen zwar erschöpft, der Rammelsberg dafür aber ein überaus interessantes Museum.

Nach dem Abendessen begann Malte mit seinem Vortrag zur Kinetik chemischer Reaktionen, den er am Vormittag des folgenden Tages beendete, nicht ohne einen Schwenk auf die Kinetik enzymatisch katalysierter Reaktionen einzubauen. Nicht weniger faszinierend waren die Darstellungen zur Fortbewegung von Myosin-II-Molekülen entlang der das Cyto-skelett bildenden Aktinfilamente.

Den Nachmittag gestaltete Jörg mit seinen Ausführungen zur Komplexchemie und entsprechenden Übungen. Für Interessierte gab er am Abend Einblicke in metallorganische Übergangszustände und das Isolobal-Prinzip, während Nicht-Ganz-So-Interessierte wiederum Aufgaben rechneten, um sich auf die zweite Klausur vorzubereiten.

Die zweite Klausur am Vormittag des Freitags forderte noch einmal alle Teilnehmer heraus, ihr neues und altes Wissen entsprechend den Aufgabenstellungen anzuwenden. Ob die Entdeckung des Germaniums durch C. Winkler, Energiebetrachtungen bei Konformeren oder die Erstellung einer Titrationskurve einer zweifach protolysierenden organischen Säure – Köpfchen, Kreativität, und manchmal auch etwas Frustrationstoleranz waren gefragt.

Den Nachmittag verbrachten wir, trotz Erschöpfungs- und Ermüdungserscheinungen, mit dem von Jörg Großschedl (IPN Kiel) gehaltenen Seminar zu Lernhilfen. Anhand von Fragen zu Prozessen rund um die posttranslationale Modifikation von Proteinen im Golgi-Apparat galt es, Lernerfolgsveränderungen durch verschiedene Lernstrategien zu überprüfen und Jörg somit relevantes Material für seine Dissertation zu liefern.

Nach individueller Abend- und Nachtgestaltung war der Samstag, der Tag der Abreise, gekommen, und die zurück-liegende Woche wie im Flug vergangen; kaum zu glauben, dass schon wieder alles vorbei sein sollte. Die Realität hatte uns wieder. Man verabschiedete sich, versprach den Kontakt zu erhalten und hoffte dabei doch insgeheim, sich in der vierten Runde wiederzusehen.

Ein ganz besonderer Dank gilt natürlich den Organisatoren, Referenten und Betreuern dieser wunderbaren Woche; allen voran Sabine Nick, die ihr Möglichstes getan hat, um uns den Aufenthalt in Göttingen sowohl fachlich als auch freizeitlich so angenehm und interessant wie möglich zu gestalten. Danke an Timo, Malte und Jörg, die neben ihren eigentlichen Referaten auch so zu unserer Erheiterung beitrugen, und „Danke" nicht zuletzt auch an unsere vier Betreuer – Felix Hennersdorf, Nils Wittenbrink, Fabian Dietrich und Sascha Jähnigen – Herren über Süßigkeiten, Klausurplatzverteilung und Aufgabenlösungen.

Axel Straube