Deco Bild
Document Actions

BERICHT DER 3. RUNDE DES AUSWAHLVERFAHRENS 2006 IN BERLIN

Die 3. Runde des Auswahlverfahrens zur Internationalen Chemie-Olympiade findet traditionell in Köln und Berlin statt. Die Teilnehmerin Sina Baier berichtet von Ihren Erlebnissen in Berlin.

Vom 24.03.06 bis zum 31.03.06 war es wieder soweit – 30 Schüler/innen trafen sich, um Berlin unsicher zu machen. Aber ging es wirklich in erster Linie darum Spaß in Berlin zu haben? – Ja, aber mit Chemie! Das war spätestens jedem klar, als Hr. Dr. Bünder bei der Begrüßung am Freitag sagte, dass  sich der FChO mit dieser Woche, die neben den Klausuren zumeist aus Vorträgen bestand, revanchieren wollte, für die Arbeit, die wir bis dahin geleistet hatten. 


Für die Chemie wurde sogleich am ersten Abend gesorgt, als es hieß, dass kurzfristig noch ein Vortrag über heterogene Katalyse mit Jan Dierk Grunwaldt eingeschoben werde – obwohl das Programm doch allgemeine Informationen vorsah.  


Egal, das geänderte Programm wurde noch kurz vorgestellt und die Kennenlernrunde wurde kurzer Hand auf den nächsten Morgen verschoben. Sie war jedoch nicht mehr dringend nötig, denn viele hatten sich sowieso schon ausgetauscht, entweder sie kannten sich noch vom letzten Jahr oder von Landesseminaren, von anderen Wettbewerben oder lernten einfach neue Leute kennen. Trotzdem war es manchmal noch schwierig die Namen zuzuordnen, besonders, wenn manche Namen gleich mehrmals auftraten, so wie z.B. Max. Doch im Laufe der Woche wurde es deutlich besser und man hörte zunehmend, dass Leute mit Namen angesprochen wurden anstatt mit „Ähm, du da…“. 


Apropos „hören“: Es war wirkliche eine heterogene Masse, die sich da am Olympiastadion versammelt hatte, so kamen die Teilnehmer z.B. aus Baden-Württemberg, dem Saarland, Hessen, Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein, sodass man wirklich ein buntes Durcheinander aus leichten Dialekten hörte – von den Betreuern ganz zu schweigen (ich erinnere da nur an „kiral“ und die Begründung dieser Aussprache, weil es im Englischen auch so sei…). 


Am Samstag ging es – im Gegensatz zur Schule – zur relativ humanen Zeit von neun Uhr los mit einem Vortrag zum VSEPR-Modell mit Markus Schwind. Mit Knete und Zahnstochern wurde hier probiert eine genauere Vorstellung vom räumlichen Bauch von Molekülen zu erlangen. Die Knete diente jedoch im weiteren Verlauf nicht nur zu „seriösen“ Dingen, sondern mit ihr konnten z.B. auch wunderbar selber Schachfiguren gebastelt werden. 


Aber nicht nur vormittags wurden Übungen gemacht, auch nachmittags im Vortrag von Dr. Jörg Wagler, worin wir unter anderem über Supersäuren und Komplexchemie informiert wurden. Nachdem am Abend mit einer relativ großen Gruppe über die besten Vorgehensweisen bei Scotland Yard diskutiert wurde, oder darüber, ob es Wörter wie „Tonus“ wirklich gäbe (man merkt, andere spielten Scrabble), wurde bei vielen der restliche Abend mit Mafia spielen, Kickern, bzw. Billard oder Tischtennis spielen beendet. 


Der Sonntag begann mit Organischer Chemie über Zucker (David Pöllmann) und es wurde – kaum zu glauben – ein Fehler in einer Aufgabe der 4. Runde von 1996 entdeckt. 


Wem das eindeutig „zu organisch“ war, der hatte am Nachmittag die Gelegenheit sein physikalisches und mathematisches Verständnis unter Beweis zu stellen. Im Vortrag zur Thermodynamik von Dimitrij Rappoport hörte man dann allerdings auch Sprüche von Dimitrij wie: „ Selbst wenn jetzt die Entropie eingeführt wurde, hat sich der Rest doch nicht verändert!“ oder „Entweder ihr oder ich machen hier ’nen halben Kopfstand!“. 

∆ S ≥ 0 
∆ U = 0

Erheiterung erregte auch die Zusammenfassung an der Tafel:   
zusammen mit dem Spruch: „ Hier haben wir jetzt noch mal  
alles, was die Thermodynamik bis jetzt so ergeben hat.“ -  
ja, und dafür saßen wir bereits drei Stunden hier? Aber Dimitrijs Euphorie für sein Lieblingssystem (N2 unter Standardbedingungen) entschädigte uns dafür.  
Der Abend wurde unterschiedlich verbracht. Manche waren in der Stadt und machten etwas Sightseeing im Dunkeln, manche kickerten, spielten Billard oder bereiteten sich auf die Klausur vor… 


Der Montag stand ganz im Zeichen des Aufgabenrechnens, wofür extra drei Gruppen gebildet wurden, eine PC-Gruppe und zwei OC-Gruppen. Während am Vormittag noch sehr konzentriert durchgearbeitet wurde, fiel das am Nachmittag schon schwerer, aber Kaffee und Kuchen munterten doch manche wieder auf. Am Abend gab es dann einen Vortrag zu „Nanostrukturen in der Forschung“ von Franziska Gröhn, in dem wir neben allgemeineren Dingen wie Micellformen auch darüber informiert wurden, wie man Strukturen mit Nanometer-Skala messen kann. Dies wurde ziemlich theoretisch, wurde aber durch Fotos im Anschluss abgemildert. Interessant war auch ein Bild von Goldkolloidlösungen, bei dem man feststellen musste, dass Gold nicht immer gold ist. 


Am nächsten Tag war es so weit, die erste Klausur wurde geschrieben. Mit gemischten Gefühlen versammelte man sich zum Frühstück und tauschte sich dann beim wohlverdienten Mittagessen aus. Während manche lieber gar nicht wissen wollten, was alles falsch (oder richtig) war, wurden die Lösungen von anderen regelrecht auseinander genommen. 


Immer noch nicht fit, begann für uns jedoch schon wieder der nächste Vortrag über „Transportvorgänge in der Zelle“ von Hr. Dr. W. Hampe jr. 
Mit bunten Modellen und kleinen Videoclips, z.B. über die Membranfluidität oder über den Arbeitsmechanismus der ProtonenATPase, gelang es ihm jedoch, unsere Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Interessant wurde es auch, als über die Forschungsarbeit am Rezeptor für den head activator der Hydra und die aktuelle Forschung am SorLa-Protein berichtet wurde. 


Schon eingestimmt auf organischere Themen ging es am Mittwoch mit „Grundlagen der organischen Chemie“ von Timo Gehring weiter. Bei diesem Vortrag blieb besonders die Zusammenfassung der Regeln in der Organik in drei Bildern zu „Elektrophil reagiert mit Nucleophil“, „Sechsgliedrige, sesselförmige Übergangszustände bevorzugt“ und „Aromatisch, wenn’s geht“ im Gedächtnis – natürlich auch noch anderes, wie z.B. das Carboniumion… 


Am Nachmittag ging es dann mit Stereochemie, oh Entschuldigung „Stereokemie“, und Quantenmechanik bei Michael Hell weiter; schwer zu erraten welcher der beiden Vorträge anschaulicher war…  


Beim Abendprogramm wurde auf die guten Erfahrungen mit dem Kabarett „Distel“ zurückgegriffen. Was für Gefühle „unsere“ Brandenburger wohl hatten, als sie im Stück „Zwischen den Polen“ um ihre Staatszugehörigkeit bangen mussten?  


Donnerstag Vormittag gab es dann den Schnellkurs zu „Reaktionen in der organischen Chemie“ von Stephanie Voß; eine gute Vorbereitung für die Klausur am folgenden Tag. 


Der freie Nachmittag wurde auf unterschiedliche Arten genutzt. Während ein paar Gruppen loszogen und sich Museen anguckten, machten andere eine kleine Sightseeing-Tour, andere gingen Shoppen und manche nutzten die Zeit auch, um in der Nacht verlorenen Schlaf nachzuholen.  


Abends trafen wir uns alle vor dem Bundestag. Zunächst hatten wir ein Gespräch mit Hr. Dr. Barthels, Direktkandidat aus Kiel, in dem auch eifrig über aktuelle politische Themen wie z.B. den Bundeswehreinsatz im Kongo diskutiert wurde. Anschließend bestand die Möglichkeit, bei Diskussionen im Plenarsaal zuzuhören und dann in die Kuppel des Bundestags zu gehen; obwohl, oder gerade weil, es dunkel war, war es doch eine schöne Aussicht. Auch wenn dieser Programmpunkt nicht-chemischer Art war, so erhielt er doch rundherum positive Resonanz. 


Chemisch ging es jedoch am nächsten Morgen weiter, denn die 2. Klausur musste bewältigt werden. (Falls die Würdigung der Ostereier auf dem Tisch jedes einzelnen Teilnehmers zu kurz kam: Hiermit nachträglich vielen Dank an die eifrigen, nachtaktiven Heinzelmännchen.) 


Mehr oder weniger gut gelaunt, sei es wegen der Klausur, oder, weil die Abreise bevor stand, traf man sich zu einem letzten gemeinsamen Mittagessen, bevor es für jeden wieder nach Hause ging, wo auf manche der normale Schulalltag wartete, auf andere direkt das schriftliche Abitur; aber auf alle bald Freizeit durch die Osterfeiertage und Ferien. 


Viele waren betrübt, weil es für sie das letzte Jahr als Teilnehmer der IChO war, aber andererseits freute man sich auch schon auf das nächste Treffen, was dank des FChO möglich ist.  


An dieser Stelle auch noch einmal ein herzliches Dankeschön an alle, die bei der Organisation dieser tollen Woche mitgewirkt haben und vor Ort aktiv waren. Besonderer Dank gilt daher auch Hr. Dr. Bünder, der die ganze Zeit als Ansprechpartner da war und alles organisiert hat, auch wenn es doch teilweise recht kurzfristig geschehen musste. 
 

Sina Baier